Ole macht sich Gedanken
von AHD
Pflegeversicherung neu denken: Pflege finanzieren statt Pflegegeld auszahlen
Die soziale Pflegeversicherung steckt in einer Sackgasse. Die Ausgaben steigen Jahr für Jahr. Die Pflegekassen schreiben Defizite. Gleichzeitig kämpfen ambulante Pflegedienste, Tagespflegen und Pflegeheime um ihre wirtschaftliche Existenz.
Trotzdem fließen jedes Jahr rund 20 bis 25 Milliarden Euro als Pflegegeld direkt an Pflegebedürftige.
Das wirft für mich eine grundsätzliche Frage auf:
Warum zahlt eine Pflegeversicherung Geld aus, statt Pflege zu finanzieren?
Das heutige System
Pflegegeld soll Angehörige unterstützen, die Pflege übernehmen. Der Gedanke dahinter war nachvollziehbar. Das System stammt jedoch aus einer Zeit, in der Familienstrukturen anders aussahen als heute.
Inzwischen arbeiten die meisten Angehörigen selbst Vollzeit oder Teilzeit, leben oft weiter voneinander entfernt und müssen Familie, Beruf und eigene Verpflichtungen miteinander vereinbaren. Gleichzeitig werden Pflegebedürftige älter, die Krankheitsbilder komplexer und die Anforderungen an eine gute Versorgung höher.
Trotzdem setzen wir weiterhin darauf, dass Angehörige einen erheblichen Teil der Versorgung übernehmen.
Pflege finanzieren statt Geld auszahlen
Mein Vorschlag:
* Pflegegeld abschaffen.
* Professionelle Pflegeleistungen zu 90 Prozent finanzieren.
* Eigenanteil von 10 Prozent.
* Stärkere Steuerfinanzierung der Pflege.
* Entlastung der Beitragszahler bei Kranken- und Pflegeversicherung.
Die freiwerdenden Milliarden würden nicht verschwinden. Sie würden dort eingesetzt werden, wo sie unmittelbar Pflege ermöglichen.
Ambulante Pflege als Herzstück
Die meisten Menschen möchten in ihrem Zuhause bleiben. Deshalb sollte die ambulante Pflege der wichtigste Baustein unseres Pflegesystems sein. Professionelle Pflegekräfte übernehmen nicht nur die Körperpflege. Sie erkennen Veränderungen frühzeitig, verhindern Komplikationen, koordinieren die Versorgung und entlasten Angehörige. Wer Pflege benötigt, sollte professionelle Hilfe unkompliziert und bezahlbar erhalten können.
Nicht als Ausnahme. Sondern als Regelfall.
Tagespflege viel stärker ausbauen
Ein Bereich wird in Deutschland völlig unterschätzt: Die Tagespflege. Dabei verbindet sie viele Vorteile miteinander.
Pflegebedürftige erhalten soziale Kontakte, Aktivierung, Beschäftigung, gemeinsame Mahlzeiten und Struktur im Alltag.
Angehörige gewinnen Zeit für Beruf, Familie, Erholung und eigene Gesundheit. Viele Menschen könnten deutlich länger zuhause leben, wenn ambulante Pflege und Tagespflege konsequent miteinander kombiniert würden. Das verbessert die Lebensqualität und entlastet gleichzeitig Familien.
Selbstbestimmung statt Krisenmanagement
Heute wird professionelle Unterstützung häufig erst dann ausgeweitet, wenn Angehörige nicht mehr können oder eine Krise entsteht. Genau das sollte sich ändern. Wer Unterstützung benötigt, sollte sie frühzeitig erhalten. Nicht erst dann, wenn die Situation eskaliert.
Eine starke ambulante Versorgung, kombiniert mit Tagespflege, kann viele Belastungen auffangen, bevor sie zu einem Problem werden.
Stationäre Pflege bleibt notwendig
Natürlich wird es auch künftig Menschen geben, die dauerhaft stationäre Pflege benötigen. Pflegeheime werden weiterhin ein wichtiger Bestandteil unseres Versorgungssystems sein.
Auch hier würde eine 90-prozentige Kostenübernahme vieles verändern. Der Eigenanteil wäre deutlich geringer und für mehr Menschen planbar. Ein Umzug in ein Pflegeheim würde nicht mehr automatisch als finanzieller Absturz empfunden.
Wer die verbleibenden 10 Prozent trotzdem nicht tragen kann, muss selbstverständlich weiterhin über die Sozialhilfe abgesichert werden. Pflege darf nicht vom Kontostand abhängen.
Gleichzeitig würden viele Menschen überhaupt erst die Möglichkeit erhalten, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Heute wird Hilfe oft nicht deshalb abgelehnt, weil sie nicht benötigt wird, sondern weil die Kosten Sorgen bereiten. Menschen sollten die Möglichkeit haben, diesen Schritt bewusst und rechtzeitig zu gehen und nicht erst dann, wenn Krankheit, Überforderung oder Demenz ihnen die Entscheidung abnehmen.
Die eigentliche Grundsatzfrage
Wir müssen entscheiden, was eine Pflegeversicherung künftig sein soll.
Eine Versicherung, die Geld auszahlt? Oder eine Versicherung, die professionelle Pflege organisiert und finanziert?
Ich bin überzeugt:
Pflege ist eine professionelle Dienstleistung.
Familie kann begleiten, unterstützen und da sein.
Die eigentliche pflegerische Versorgung sollte jedoch dort erbracht werden, wo das notwendige Fachwissen vorhanden ist.
Deshalb sollten wir Milliarden nicht länger in Geldleistungen lenken, sondern in ambulante Pflege, Tagespflege, stationäre Versorgung und echte Entlastung.
Denn die Aufgabe einer Pflegeversicherung sollte nicht sein, familiäre Pflege zu ersetzen.
Ihre Aufgabe sollte sein, professionelle Pflege möglich zu machen.
Auch das System selbst gehört auf den Prüfstand
Wer über die Zukunft der Pflege spricht, darf nicht nur über Leistungen sprechen.
Deutschland leistet sich ein hochkomplexes System aus zahlreichen Kranken- und Pflegekassen mit eigenen Verwaltungen, Vorständen, Verwaltungsräten und Strukturen. Jeder Euro, der in Bürokratie fließt, steht nicht für Pflege zur Verfügung.
Deshalb sollte auch die Frage erlaubt sein, wie viele Verwaltungsstrukturen wir uns künftig noch leisten wollen und ob eine stärkere Bündelung von Aufgaben nicht zusätzliche Mittel für die Versorgung freisetzen könnte. Die Herausforderungen der Pflege werden wir nicht durch immer höhere Beiträge lösen. Wir werden sie lösen, indem wir vorhandene Mittel konsequent dort einsetzen, wo sie gebraucht werden:
Bei den Menschen, die Pflege benötigen. Und bei den Menschen, die Pflege leisten.
Danke, dass ihr bis zum Ende gelesen habt.
Euer Ole Bernatzki